Secrets: Januar


 

Band

5

 

Erscheinungsjahr

2017

 

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Vor einem Jahr hätte Luke über die Idee gelacht, mit "Freunden, seinem Bruder und dessen Freundin" gemeinsam auf Schiurlaub zu fahren.

 

Doch irgendwie macht es Spaß.


Zumindest solange Arizona ihren Mund hält, sich außerhalb von Lukes Reichweite aufhält oder einfach nicht anwesend ist. Denn sie nervt. Luke erträgt es kaum, sie atmen zu hören.


Glücklicherweise ist Dean ganz geschickt darin, ihn abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen.



Leseprobe


In Gedanken immer noch den Kopf über Sebastian schüttelnd verließ Luke neben Dean das Schulgebäude, um mit einem fidelen „Da seid ihr Turteltäubchen ja endlich, musstet ihr nachsitzen?“ von Baxter in Empfang genommen zu werden.

 

„Bax?“, rief er überrascht, jedoch ebenso erfreut aus. „Was machst du denn hier?“

 

Schmunzelnd breitete Deans Bruder seine Arme aus, damit er Luke fest an sich drücken konnte.

 

„Frohes neues, Mann,“ wünschte Baxter anstelle der üblichen Begrüßungsfloskeln und fügte, nachdem er Luke wieder losgelassen hatte, noch hinzu: „Zu Euren Diensten, werte Herren!“

 

„Hä?“ Er sah irritiert zu Dean, der lediglich breit grinsend daneben stand und Baxter verstohlen zuzwinkerte.

 

„Wir wollten essen gehen, schon vergessen?“ Dean packte seinen rechten Ellenbogen.

 

„Ja, schon…“ Luke zog die Brauen zusammen. „Du hast nicht gesagt, dass Bax mitkommt.“

 

„Mit Eventualitäten muss man rechnen,“ lachte Baxter. „Wollen wir?“

 

„Japp,“ nickte Dean vergnügt, während er Lukes Arm vorschob, damit er sich in Bewegung setzte.

 

„Wohin fahren wir denn?“, fragte er verunsichert.

 

Nicht, dass ihn Baxters Anwesenheit störte, mit derartigen Spontanität hatte er jedoch Schwierigkeiten. Außerdem hatte er gehofft, mit Dean in aller Ruhe über Sebastians seltsames Verhalten zu sprechen. Den Nachrichten nach zu schließen war Sebastian noch immer nicht davon überzeugt, dass Thomas die richtige Wahl für Arizona war. Allerdings sprachen sich alle in ihrer unmittelbaren Umgebung für die Beziehung aus – die beiden waren das Traumpaar der Schule. Zudem hatte Luke seinen Bruder noch nie so glücklich, ausgeglichen und verliebt erlebt. Selbst mit Sidney schien er stets ein bisschen unzufrieden gewesen zu sein.

 

Galant hielt Baxter ihm die Beifahrertür zum Einstieg auf die Rückbank seines knallroten Bentley Convertible GT auf. Es war das erste Mal, dass Luke in den Wagen kletterte. Dean hatte ihm das über 650 PS starke Gefährt in der Garage gezeigt, als Baxter noch auf Entzug gewesen war, und er hatte den Tag gar nicht erwarten können, an welchem er endlich darin sitzen und mitfahren durfte.

 

Die Lee-Brüder teilten eine Vorliebe für schnelle Autos. Sie hatten sogar das Gehäuse eines Thunderbirds aus den Siebzigern erstanden, um es in den nächsten Monaten zu restaurieren. Luke war sich nicht sicher, ob Dean nur angestrengt nach einer Ablenkung für Baxter suchte, oder ob sie das Projekt schon länger geplant hatten. Im Augenblick wirkte Baxter nämlich ganz und gar nicht so, als dachte er an die Möglichkeit eines Rückfalls. Deans Bruder schien tatsächlich zufrieden und entspannt zu sein.

 

„Ja, ich bin nüchtern,“ gluckste Baxter, als er nach einem Blick in den Rückspiegel Lukes Augen begegnete.

 

In seinen Überlegungen ertappt, sah Luke rasch aus dem Finster, während er, eine entschuldigende Antwort überlegend, an seinem rechten Lippenring herumkaute. Der linke war nach wie vor leicht entzündet, weswegen er es weitestgehend vermied ihn zu berühren.

 

„Ähm…” Verlegen suchte er nach einer plausiblen Erklärung für sein Gestarre. „Das… hab‘ ich nicht… so…“

 

„Warum wirst du denn dann rot?“, wollte Baxter wissen.

 

„Mann, Bax!“ Dean boxte seinem Bruder gegen den Arm. „Zieh‘ ihn nicht auf!“

 

„Sorry,“ grinste Baxter. „Lass mir ein bisschen Spaß…“

 

„Vollhonk,“ schimpfte Dean vergnügt, bevor er sich zur Rückbank umdrehte. „Luke, das muss dir nicht unangenehm sein, das macht der immer.“

 

Der,“ maulte Baxter, während er am Radio hantierte. „Was wollt ihr hören? Fall Out Boy?“

 

„Uh, ja!”, nickte Dean begeistert. „Ich vergess‘ immer, dass es die gibt.”

 

Gerade noch hatte Luke sich unwohl gefühlt, als Baxter ihn scherzhalber aufgezogen hatte, doch schon empfand er Heiterkeit in sich aufsteigen. Der Umgang zwischen Baxter und Dean war derart liebevoll, dass die positive Energie einfach auf ihn überschwappte und ihn mitriss.

 

„Ich kenn‘ die nicht,“ gestand er deswegen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.

 

„Ich auch nicht,“ meinte Baxter, was ihm einen schrägen, jedoch ungesehenen, da er hinter dem Beifahrersitz in Deckung gegangen war, Seitenblick von Luke einbrachte. „Aber ich würd‘ gern, immerhin machen die gute Musik.“

 

„Lol“, entkam Luke mit einem schiefen Grinsen.

 

Er hatte noch nicht bemerkt, dass der Daumen seiner linken Hand im Takt auf sein Knie tappte.

 

„Sie sollten ein bisschen härter sein,“ meinte Dean, drehte dabei den Ton aber minimal nach oben.

 

„Dann klingt’s aber wie alles, was du normalerweise hörst,“ stichelte Baxter schmunzelnd.

 

Dean streckte seinem Bruder die Zunge heraus.

 

„Ich will!“, rief Luke.

 

„Was?“, lachte Baxter. „Härter?“

 

„Zunge,” gluckste Luke.

 

„Hormongesteuerter Teenie!” Baxter rollte mit den Augen, ehe er leise und äußerst vergnügt anmerkte: „Als hätt‘ ich dir nicht gesagt, dass du mal wen triffst, der dich scharf findet, Deanybeany.“

 

„Bax!“, rief Dean aus.

 

Luke konnte seine Wangen rot anlaufen sehen, bevor der Halbasiate den Kopf zum Seitenfenster wandte und mit verschränkten Armen die vorbeiziehende Umgebung betrachtete. Um seinen Freund noch mehr zu triezen, schob Luke seine Hand rechts am Beifahrersitz entlang, bis er Deans Oberarm erreichte.

 

„Mh.“

 

Grinsend lehnte sich Luke nach vorne und packte die Kopfstütze mit der linken Hand, um in Deans Ohr zu flüstern: „Härter wird’s, wenn wir allein sind, Bubu!“

 

Dean räusperte sich lautstark, während er mittiger auf den Sitz rutschte, um von Lukes Fingern wegzukommen.

 

„Ich glaub‘, wir müssen den Babytiger festketten,“ merkte Dean an seinen Bruder gewandt an.

 

Leise glucksend warf Baxter einen Blick in den Rückspiegel. „Oder in einen Zwinger sperren.“

 

„Ey!“ Luke schlug gegen die Nackenstütze. „Darf ich da auch mitreden?“

 

„Hörst du auch das Fauchen da hinten?“, fragte Baxter.

 

„Ja, ist mir vorhin schon aufgefallen…“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht wandte Dean seinen Kopf zurück. „Manchmal klingt es aber wie ein Schnurren.“

 

„Schnurren tut hier nur der Motor,“ zischte Luke, jedoch nur halb im Ernst.

 

Noch während Dean laut auflachte, trat Baxter einmal fest auf das Gaspedal, was ein lautes Brummen des Wagens nach sich zog.

 

„Vorgestern Abend hast du aber geschnurrt,“ meinte Dean mit einem anzüglichen Unterton in der Stimme, welchen Luke noch nie bei ihm gehört hatte.

 

„Das war mehr ein Winseln,“ gluckste Luke vor sich hin.

 

„Jungs!“, rief Baxter dazwischen. „So gern ich euch hab‘, lasst mal Schlafzimmer Schlafzimmer sein, bitte.“

 

„Das war gar nicht im Schlafzimmer,“ sagte Luke schnell, bevor er verstohlen zu lachen begann.

 

„Da hat er recht,“ stimmte Dean zu und lehnte sich zu seinem Bruder, der lediglich irritiert nach rechts sah. „Das war im Badezimmer.“

 

„Oh Gott,“ stöhnte Baxter. „Luke, was hast du mit ihm gemacht?“

 

„Wie?“ Leicht entsetzt riss er die Augen auf, als er zum Fahrersitz sah.

 

Witze darüber, was möglicherweise passiert war oder nicht, riss er gerne, doch ins Detail wollte er nicht gehen. Vor allem dann nicht, wenn Baxter ehrlich interessiert klang, und Dean seinem älteren Bruder wohl nichts erzählt hatte.

 

„Jahrelang hält er sich die Ohren zu, wenn das Thema auch nur annähernd auf Sex fallen könnte, und plötzlich wird er komplett unruhig, wenn er das Wort Badezimmer erwähnt?“ Es war ein langer, belustigter Blick, den Baxter ihm über den Spiegel zukommen ließ.

 

Nachdem Dean kein Wort mehr sagte, sondern erneut nur aus dem Fenster sah, und auch Luke nicht so recht wusste, wie er darauf reagieren sollte, fuhr Baxter fort: „Aber ihr bleibt derweil noch jugendfrei, ja?“

 

Schwang da eine Spur Hoffnung in seiner Frage mit?

 

„Klar!“, antwortete Dean augenblicklich.

 

„Wenigstens bist du ein artiger, großer Bruder, Bax,“ murmelte Luke.

 

Als unmittelbare Reaktion darauf hörte er Dean leise glucksen.

 

„In Bezug auf was?“, fragte Baxter skeptisch.

 

„Dass du, im Gegensatz zu anderen großen Brüdern deinen kleinen Bruder nicht mit Weihnachtsgeschenken dazu aufforderst, aktiv zu werden,“ erklärte Luke umständlich.

 

„Oder passiv,“ nuschelte Dean gegen das Fenster.

 

Mühevoll verkniff Luke es sich, laut loszuprusten.

 

„Dean,“ rief er und schlug seinen Freund über die Lehne des Beifahrersitzes hinweg auf den Oberarm.

 

„Na ja.“ Der Halbasiate wandte sich halb nach hinten. „Das Geschenk war ja mehr Aufforderung fürs Passivsein, wenn wir ehrlich sind.“

 

„Sicher,“ stimmte Luke zu. „Aber irgendwann werden wir das sowieso rausfinden müssen.“

 

„Ernsthaft?“ Baxter seufzte so herzzerreißend tief auf, dass Luke für einen Moment ein schlechtes Gewissen bekam. „Deanybeany, du weißt, dass ich das hier nur für dich tu‘, ja?“

 

„Ja,“ sagte Dean ruhig, während er seinen Bruder mit einem langen Blick bedachte. „Weil du mir das schuldest.“

 

„Auch wieder wahr,“ pflichtete Baxter ihm nach einer Sekunde intensiven Überlegens bei. „Macht weiter.“

 

„Ich versteh‘ euch nicht,“ murmelte Luke, der sich mittlerweile mit verschränkten Armen gegen die Rückenlehne gedrückt und den beiden im vorderen Teil des Wagens gelauscht hatte.

 

„Ist ganz einfach,“ lächelte Dean ihn an. „Er wirft mir immer alles Mögliche vor, aber eigentlich hat er mir meine Jugend versau-AU!“

 

Baxter hatte Dean mit der Faust an der Seite erwischt.

 

„Vollhonk, schlag‘ mich nicht, wenn ich die Wahrheit sage!“

 

„Ich schlag‘ dich nicht dafür, ich schlag‘ dich, weil du frech bist, Blümchen!“, motzte Baxter augenblicklich.

 

„Ich setz‘ mich gleich nach hinten,“ drohte Dean.

 

„Dann hältst du wenigstens deine Klappe, wenn du mit Luke knutschst!“, gab Baxter sofort zurück.

 

Dean begann zu lachen.

 

„Hättest du wohl gern, ha?!“ Mit einem äußerst grob aussehenden Stoß fiel er grinsend gegen seinen Bruder. „Damit du mal was richtig Spannendes zum Filmen hast.“

 

„Klar,“ feixte Baxter. „Meine Kamera hab’ ich immer dabei.“

 

Er streckte Dean die Zunge entgegen.

 

„Ja, du mich auch!“ Dean erwiderte das kindische Verhalten, wie er es auch vorhin schon getan hatte.

 

Dann richtete er sich auf und sah wieder zu Luke. Beinahe entschuldigend langte er mit dem rechten Arm nach hinten, um ihm ans Knie zu fassen.

 

„Sorry.“ Gespielt übertrieben rollte er mit den Augen. „Jedenfalls schuldet mir Bax ganz viel Seelenheil.“

 

„Und weil sich der Arsch nicht auszahlen lassen will, muss ich ihn bespaßen,“ brummte Baxter.

 

Luke verstand, wie sarkastisch die Bemerkung tatsächlich gemeint gewesen war.

 

„Nenn mich nicht so,“ schimpfte Dean. „Du weißt genau, dass Mamma das nicht mag.“

 

„Ist sie hier?“, fragte Baxter gelassen. „Nein? Also, was soll sie dagegen tun?“

 

„Das sag’ ich auch immer!“, ereiferte sich Luke.

 

Rasch lehnte er sich vor, wobei Deans Finger von seinem Knie glitten und gegen den Sitz schlugen. Er vermisste die Berührung beinahe im selben Moment.

 

„Ihr Gesetzesbrecher!“, maulte Dean zynisch. „Ignoriert die Wünsche der wichtigsten Menschen in eurem Leben!“

 

„Aus welchem undefinierbaren Grund soll meine Mom der wichtigste Mensch in meinem Leben sein?“, fragte Luke provokant.

 

„Weil sie dich aus ihrer Mumu gequetscht hat,“ lachte Baxter. „Und du danach auch noch ihre Titten kaputt gemacht hast.“

 

„BAX!” Dean schlug nach seinem Bruder. „Das ist ekelhaft!!!”

 

„Wo wir wieder beim Thema wären…“ Baxter grinste. „Hältst du dir gar nicht die Ohren zu, hm?“

 

„Das ist ekelhaft,“ stimmte Luke Dean zu. „Daran will ich gar nicht denken müssen.“

 

Angewidert das Gesicht verzogen schluckte er einmal heftig. „Außerdem war ich ein Kaiserschnitt.“

 

„Oh, luxuriöse Geburt für den Laufington-Spross, was?“, zog Baxter ihn auf.

 

Er spitzte die Lippen und sprach in übertrieben fürsorglichen Tonfall weiter: „Damit der Kleine wohlbehütet zur Welt kommt…“

 

„Das ist gemein,“ beschwerte sich Luke. „Dafür kann ich doch nichts. Und genutzt hat’s mir auch nichts.“

 

„Stimmt,“ gluckste Dean. „Das Wohlbehütetsein ist dir nicht bekommen.“

 

„Wie scheiße seid ihr denn?“ Beleidigt warf er sich in den Sitz zurück und schob die Unterlippe vor. „Sorry, dass mein Leben für Außenstehende einfach aussieht.“

 

„Haben wir dich jetzt gekränkt?“, fragte Baxter alarmiert, während Dean nur unruhig in Lukes Augen sah. „Tut mir leid!“

 

„Mir auch,“ hauchte Dean reumütig. „Bitte sei mir nicht böse…“

 

Für den Bruchteil einer Sekunde wollte Luke trotzig reagieren, seinen Blick abwenden und für den Rest der Fahrt schweigen. Dann wurde ihm jedoch bewusst, dass es den Nachmittag negativ überschattet hätte, lenkte er nicht ein. Die Lee-Brüder hatten es bestimmt nicht derart boshaft gemeint, wie es für ihn geklungen hatte, und entschuldigt hatten sie sich ebenfalls sofort. Vor allem Dean schien die Situation mehr als unangenehm zu sein. Seine Oberlippe zuckte, im offensichtlichen Versuch sich Worte zurechtzulegen, nervös auf und ab. Luke musste sich für einen Moment zusammenreißen, um das bereits in sich aufsteigende Grinsen noch nicht auf seinen Lippen zu präsentieren.

 

Mühevoll ernst sagte er: „Du kennst mich doch, oder?“

 

Dean öffnete den Mund, biss sich schließlich aber auf die Zungenspitze, anstatt etwas von sich zu geben.

 

„Oh je,“ drang ein leiser Seufzer vom Fahrersitz.

 

„War ich schon jemals böse auf dich?“, löste Luke die Spannung und erlaubte seinem Gesicht, sich zu einem Lächeln zu verziehen.

 

Die Anspannung in Deans Zügen hielt für zwei Herzschläge, bis er begriff, dass Luke ihm nichts vorhielt.

 

„Oh, Gott sei Dank,“ stieß er aus, bevor er zu lächeln begann.

 

Augenblicklich streckte er seine rechte Hand nach hinten, um Luke zu sich zu winken.

 

„Komm her, du!“

 

„Ich?“, fragte Luke und deutete auf seine Brust. „Meinst du mich?“

 

„Dich mein ich,“ nickte Dean, dessen Finger ungeduldig auf und zu schnappten. „Ich will dich küssen!“

 

Wie von selbst glitt seine Zunge über die Lippen, als er die direkte Formulierung hörte. Das sah Dean nicht ähnlich, doch es gefiel Luke. So gut, dass er sich ohne weitere Bitten nach vorne lehnte, um der Aufforderung nachzukommen.

 

Baxter brummte derweil gutmütig: „Muss das sein?“