#shortstorydienstag

Kapitel 1-4


Schneetreiben (Kapitel 1)

Obwohl Stephan gerne arbeiten ging, kam er am ersten Tag nach einem Urlaub nie so richtig in Fahrt. Schon gar nicht nach den Weihnachtsfeiertagen, an welchen er prinzipiell mindestens zwei Wochen lang zu Hause blieb, weil sich seine Kunden ebenfalls eine Auszeit gönnten. Zu viel geliefertes Essen, zu viel Netflix, zu viel Prokrastination.

 

Der Blick in den Spiegel beim Anziehen nach dem Duschen fiel ähnlich verzweifelt aus, wie es jener erste aus dem Fenster nach dem Aufstehen gewesen war. Es schneite. Diese Untertreibung des Jahres hatte ihn einen müden Schnaufer gekostet, bevor er die Vorhänge wieder zugezogen und sich in die Küche aufgemacht hatte. Einen doppelten Espresso und eine zu früh ausgedämpfte Zigarette später, hatte er gehofft, unter dem lauwarmen Wasser der Dusche seinen Kopf betriebsfähig zu bekommen. Doch alles, was er damit erreicht hatte, war, sich wieder in sein Bett verkriechen zu wollen.

 

Schnee.

 

Der Gedanke daran ließ ihn schaudern. Weniger, weil er die tanzenden Miniwölkchen nicht leiden konnte. Eigentlich mochte er sie gerne. Vor allem als Kind hatte er den Flocken oft dabei zugesehen, wenn sie leise gerieselt waren. Dieses sanfte Geräusch, das sie beim Landen machten. Wie ein Prickeln in den Ohren, ein nicht fassbares Klirren, ein sofort schmelzendes Knistern. Ja, er mochte Schnee im Winter.

 

Was er tatsächlich nicht ausstehen konnte, waren unfähige Verkehrsteilnehmer, die meinten, die Lage richtig einzuschätzen und über ihr Können hinaus zu schnell fuhren. Oder übervorsichtige Verkehrsteilnehmerinnen, die auf salznassem Untergrund dennoch zwanzig km/h unter der maximal zulässigen Begrenzung fuhren. Meistens in einer verkehrsberuhigten Dreißiger-Zone.

 

Ein weiteres Schnauben verließ seine Nase, während er noch immer vor dem Spiegel stand und seinen schwabbeligen Körper betrachtete. Dass er gerne naschte, zu viel Knabberzeug in sich hineinstopfte und das Wort satt in seinem Sprachgebrauch nicht existent war, sah man ihm auch an. Ganz besonders nach den letzten Wochen, in denen er sich so gut wie gar nicht bewegt hatte. Kurzfristig hatte er sogar darüber nachgedacht, seine Wohnungstür mit einem selbstöffnenden Mechanismus zu versehen, um den Pizzaboten und kaum ostasiatisch aussehenden Chinarestaurant-Liefermenschen via Knopfdruck Einlass zu gewähren. Dann hätte er sich gar nicht mehr von seiner Couch erheben müssen. Er hätte eins werden können mit ihr.

 

Immerhin war seine Couch seine große Liebe. Sie war weich, sie hörte ihm zu und sie schimpfte nicht mit ihm, wenn er in ihrer Gegenwart furzte oder rülpste. Auf ihr hatte er bereits wunderschöne Stunden verbracht. Allein. In Ruhe. Ganz egal, welches Wetter geherrscht hatte. Auf seiner Couch musste er nicht darüber nachdenken, welche Bedingungen ihn erwarteten, um nach dem Urlaub in die Arbeit zu gelangen. Wie an diesem vermaledeiten Morgen, den er zum gegebenen Zeitpunkt, nackt vor seinem Kleiderschrank stehend, mehr hasste, als jegliche Autofahrer, Fußgängerinnen, Busfahrerinnen oder den einen oder anderen – seiner Meinung nach geistesgestörten – Radfahrer, der bei diesen Verhältnissen ernsthaft auf seinen Drahtesel stieg.

 

Resignierend seufzte Stephan seiner Reflektion zu, ehe er nach seinem dunkelblauen Lieblingsanzug griff. Ganz gleich, wie viel er zugenommen hatte, diese Hose und das bequeme Sakko würden ihm stehen. Dazu wählte er ein schlichtes, weißes Hemd, den altbewährten Gürtel und schwarze Socken. Eine seiner wenigen Exfreundinnen hatte ihm irgendwann einmal dazu geraten, sich bunter zu kleiden. Einen halbherzigen Shoppingtrip später hatte er einen weinroten Anzug mit gleichfarbigen Socken besessen. Claudia hatte sich von ihm getrennt, bevor sie ihn in dem Aufzug hatte präsentieren können. Es tat ihm nach wie vor nicht leid, nicht mehr mit ihr zusammen zu sein.

 

Wenn er ehrlich mit sich selbst war, vermisste er lediglich eine einzige Sache an einer Beziehung: den Sex. Seine Freiheit nur deswegen jedoch leichtfertig auf das Spiel zu setzen, kam ihm nicht in den Sinn. Er genoss jede Sekunde des Alleinseins. Auf seiner Couch. Ob er ihr einen Namen geben sollte?

 

Noch bevor er auf weitere Gedanken kommen konnte, schlüpfte er mithilfe eines Schuhlöffels in seine schwarzen Lederschuhe, griff nach seinem einzigen Wintermantel an der Garderobe und schulterte seine Laptoptasche. Amüsiert stellte er fest, dass sich eine Staubschicht darauf gebildet hatte. Diese würde er im Lift entfernen.

 

Als er eben diesen betrat, um damit in die Tiefgarage des Wohnblocks zu düsen, klingelte sein Telefon. Er hatte dessen Ton bereits vergessen gehabt, doch nun holte ihn die damit verbundene Verantwortung wieder ein. Klaus war am Apparat und erklärte Stephan, dass er keine Uhrzeit nennen konnte, zu der er im Büro ankommen würde, da sein Zug aufgrund des Schnees verspätet war. Stephan beruhigte seinen Assistenten augenrollend. Wann immer zu viel Schnee fiel, brach der gesamte Verkehr zusammen. Zumindest hatte er den Luxus eines Firmenwagens, weshalb er sich keine Gedanken über die Öffis machen musste. Klaus wiederum, der eine schwangere Frau und zwei Kinder daheim hatte, war nicht nur auf seinen Job, sondern auch auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen.

 

Tief in seine Gedanken versunken, manövrierte Stephan den Wagen schließlich aus der Garage und durch die Straßen der Stadt. Abgesehen davon, dass alle Ampeln an diesem Morgen unüblich lang auf rot geschaltet waren, wäre er ohnehin nicht viel schneller vorangekommen. Es herrschte Chaos, wo auch immer er hinsah. Entnervte Eltern empörten sich über ihre ausgelassenen Kinder, die über den plattgetretenen Schnee rutschten wie auf einer Eisbahn. Hilflose Hundehalter hielten immer wieder an gelben Stellen an, um ihre Tiere daran schnuppern zu lassen. Schreiende Schulkinder schienen sich mehr auf die Schneeballschlachten in den Gassen zu konzentrieren, als auf ihren Weg. Manch einer strauchelte, andere schlitterten über die glatten Stellen auf dem Asphalt.

 

Jemand hupte hinter ihm, um ihn aufzufordern, die grüne Ampel noch in dieser Phase zu nehmen. Sich provoziert fühlend, betätigte er das Pedal nur minimal und schlich auf die Kreuzung zu. Das Hupen wurde lauter. Die Ampel blinkte. Stephan trat aufs Gas. Rechtzeitig überquerte er die Straße, um sich an einer Linksabbiegespur einzureihen und erneut im Stau zu stehen.

 

Neben ihm hielt ein kleiner, roter Wagen. Ihm wäre er nicht aufgefallen, hätte die Fahrerin nicht erneut gehupt und mit einer Hand durch die beschlagene Fensterscheibe gestikuliert. Er lächelte und winkte ihr zu. Wer auch immer meinte, an einem Tag wie diesem Hektik zu verbreiten, war Fehl am Platz. Wäre sie doch etwas früher von zu Hause losgefahren, sie hätte es bestimmt rechtzeitig an ihr Ziel geschafft. Oder nicht, stellte er fest, als ihre Spur sich eher bewegte, als die seine und den Blick auf ihr Nummernschild freigab. Sie kam wohl von außerhalb und hatte eine längere Fahrt hinter sich gehabt. Doch dies war ebenfalls nicht sein Problem.

 

Erneut schwebten dicke Flocken vom Himmel. Stephans Hand zuckte zum Radio, welches er üblicherweise nur auf der Autobahn einschaltete, um das Rauschen der Reifen zu übertönen. Schon gleich drangen liebliche Streicher durch den Wagen: Vivaldis La Primavera aus Le Quattro Stagioni.

 


Schlussstrich (Kapitel 2)

Mario,

 

dass du meine Schritte nicht nachvollziehen kannst, weiß ich. Das konntest du noch nie. Du hast mich nie verstanden. Das habe ich nie verstanden. Dabei haben wir uns doch so gut verstanden. Vor zwei Jahren. Am Anfang. Als alles auf Neubeginn gezeigt hat. Du hast dich gerade von Julia getrennt und ich habe Klemens endlich verwunden gehabt. Wir waren beide frei und offen für Neues. Für uns.

 

Es waren so schöne erste Wochen und Monate gewesen. Ich habe dich geliebt. Mit ganzem Herzen. Aus tiefster Seele. Physisch und psychisch. Für immer, habe ich geglaubt. Ich wollte Kinder mit dir haben. Dutzend, wenn es mein Körper erlaubt hätte. So viel habe ich für dich empfunden.

Warum musstest du es kaputt machen? Wie habe ich übersehen können, wer du eigentlich bist? Was du WIRKLICH willst?

 

Glaubst du tatsächlich, ICH wäre der Typ Frau, die ihr restliches Leben hinter dem Herd verbringen möchte? Natürlich wäre ich für unsere Kinder daheim geblieben, hätte mich um sie gekümmert, sie erzogen. Bis sie in die Krippe oder den Kindergarten gekommen wären. Dann hätte ich meinen Job wieder aufgenommen. Wie es heutzutage üblich ist. Nicht, WEIL es üblich ist, sondern, weil es Frauen so machen DÜRFEN. Natürlich nicht in deiner Welt, das weiß ich jetzt auch.

 

Hättest du mich für immer eingesperrt? Wäre ich zu deiner Sklavin degradiert worden? Wärst du davon ausgegangen, dass ich den GESAMTEN Haushalt übernehme, während du deine Karriere verfolgst? Deine Karriere als … Beamter beim Finanzamt …

 

Ich hätte es gleich wissen müssen: Jemand, der den langweiligsten Job der Welt macht, weil er – Dank seines Vaters, selbstverständlich, wie denn sonst? – pragmatisiert auf seine Pension wartet und mehr Zeit darin investiert, die perfekte Geschmacksrichtung in einer Kaffeekapsel zu seinen Lieblingszigaretten zu finden, als einen Gedanken an ARBEIT zu verschwenden, kann gar nicht anders, als stur die „traditionellen Werte“ zu verfolgen. Denken deine Kolleginnen und Kollegen auch so? Oder bist du einfach der letzte Mensch auf Erden, der es noch nicht begriffen hat? Der nicht versteht, dass Frauen Rechte haben, Menschen sind und wahrhaftig tun dürfen, WAS SIE WOLLEN?

 

Ja, Mario, Frauen sind denkende Wesen, mit einer eigenen Meinung, Bildung und Weltanschauung. Ich ganz besonders. Oder ist dir das in den letzten Jahren entgangen? Hast du es einfach übersehen? Hast du es ignoriert? Hast du gedacht, du kannst mich ändern? Hast du dir erwartet, dass ich mich ändere? Für dich? Ganz. Sicher. Nicht.

 

Es tut mir nicht einmal leid. Lediglich um die Zeit, die ich in dich und unsere Scheinbeziehung investiert habe. Wie habe ich nur so dumm sein können? Wie habe ich es nicht sehen können? Liebe macht wohl ganz eindeutig blind. Und das war ich die letzten eineinhalb Jahre. Blind. Ich habe nicht gesehen, was du aus mir machen hast wollen. Ich. Die ich immer schon für mich allein gekämpft habe. Die sich nie in ein Klischee oder eine Ecke drängen lassen wollte.

 

Darum bin ich gegangen, Mario. Weil ich dich nicht mehr ertragen habe. Weil ich dein gesamtes Dasein nicht unterstützen kann, will und werde. Jemals. Vielleicht ist das von meiner Seite her engstirnig, doch ich glaube mich weltoffener, als dich.

 

Ich habe einen sehr guten Job in Wien gefunden. Einfach so. Ich habe mich dort beworben und die haben mich genommen. Hätte ich dir davon erzählt, hättest du gesagt, dass ich dazu nicht tauge. Dass das ein Männerjob ist. Ich habe nun aber einmal ein abgeschlossenes Architekturstudium – Dank meines Vaters, selbstverständlich … – und genug Praxis, um in einem großen Unternehmen zu arbeiten. Dass ich mich irgendwann selbstständig machen wollte, hast du gewusst; und ganz bestimmt hättest du auch dagegen deine Einwände gehabt.

 

Zumindest kannst du mir jetzt nicht die Finanzpolizei an den Hals hetzen. Immerhin hast du mir in den letzten beiden Jahren beim Steuerausgleich geholfen und mir erklärt, was ich alles absetzen darf. Dafür bin ich dir wirklich dankbar. Danke!

 

Für diese eine Sache …

 

Mario, es gibt doch etwas, das mir leid tut. Nämlich, meine harte Worte, die an dich richte. Ich weiß, dass mein Brief dir wehtut. Wahrscheinlich mehr, als dass ich einfach gegangen bin. Aber die ganzen Dinge habe ich dir nicht von Angesicht zu Angesicht sagen können. Mir haben die Worte dazu gefehlt. Jetzt, da ich mich frei fühle, frei von dir und deinen Zwängen, kann ich endlich offen sein. Das tut mir in gewisser Weise leid, ja!

 

Auch werden das meine letzten Worte an dich sein. Dieser Brief ist das Letzte, das du von mir jemals hören oder lesen wirst. Das ist ein Versprechen.

 

 

Mach’s gut und besser, finde dir eine Hausfrau, die es sein will und glücklich wird mit dir und ihren Aufgaben, und versuche zumindest, einzusehen, dass wir im 21. Jahrhundert leben.

 

Alles Gute,

 

Nicole


Kerzenscheinwelt (Kapitel 3)

Er konnte seine Augen nicht von ihr nehmen. Wie bei einem Unfall, dessen Anblick jeden in einen gewissen Schockzustand versetzte. Sie war hässlich. In ihrer Gesamtheit. Stephan hatte in seinem ganzen Leben noch nie etwas vergleichbar Hässliches gesehen. Sie war der Inbegriff von Hässlichkeit. Noch nicht einmal das Teil daneben konnte mit ihrer Abscheulichkeit mithalten. Und bei besagtem Teil handelte es sich um ein pinkes Plüscheinhorn. Ein paar blaue und gelbe Stellen bedeckten das ansonsten rosa gefärbte Fell. Ohren, Horn und Hufe waren in goldgelb gehalten und glänzten befremdlich. Doch das Grauenvollste waren die überdimensionierten Augen, deren erschreckend übertrieben geweitete Pupillen direkte Pforten zum Fegefeuer darzustellen schienen.

 

„Spiel mit mir,“ konnte er das Stofftier in seinen Gedanken flüstern hören. Die Stimme klang säuselnd, lieblich, unschuldig. Viel zu lieblich. Und viel zu unschuldig.

 

Es bereitete ihm Angst. Am liebsten wäre er mit einem Flammenwerfer gegen das Einhorn aus der Hölle vorgegangen. Oder einem Feuerzeug und einer Dose Haarspray. Die Wirkung wäre die gleiche gewesen. Allerdings war sich Stephan bei längerer Überlegung nicht sicher, ob ein satanischer Dämon tatsächlich mit Feuer zu bekämpfen gewesen wäre. Vielleicht hätte Eis eine tödlichere Wirkung erzielt.

 

„… prinzipiell unmöglich.“ Die Neue sah von den Unterlagen auf und unterbrach Stephan in seinen Gedanken. „Diese Idee ist nicht umsetzbar.“

 

Er zog die Luft zwischen seinen Zähnen und der Unterlippe durch, was einen quietschenden Laut provozierte. Sein Gegenüber hob die Augenbrauen, während sie ihn abwartend über ihre Brille hinweg ansah.

 

„Ich habe es dem Kunden bereits verkauft,“ meinte er.

 

Ob sie der Lüge auf die Schliche kam? Das Projekt, welches sein Kunde geplant hatte, steckte noch nicht einmal in den Babyschühchen. Stephan hatte klar und deutlich gesagt, dass es einer Absprache mit mehreren Abteilungen betraf, bevor sie sich einigen konnten.

 

„Dann geben Sie mir bitte die Nummer Ihres Kunden, damit ich direkt mit ihm sprechen kann,“ erwiderte sie. „Vielleicht kläre ich das als Expertin lieber direkt, ja?“

 

Bluffte sie? Stephan wusste im ersten Moment nicht, was er darauf antworten sollte. Die neue Kollegin aus dem A-Team, wie die Architekten-Abteilung liebevoll genannt wurde, war anders.

 

„Der Kunde möchte nur mit mir verhandeln,“ sagte Stephan so selbstbewusst wie möglich.

 

„In Ordnung.“ Sie schob die Unterlagen von sich und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „So werden wir mit Ihrem Kunden aber nicht ins Geschäft kommen.“

 

So?“ Stephan lehnte sich ein wenig nach vorne. „Es gibt also eine Möglichkeit?“

 

„Selbstverständlich.“ Ein falsches, nahezu triumphierendes Lächeln zeichnete sich auf ihren ungeschminkten Lippen ab. „Solange Sie sich querlegen und den Sturkopf spielen allerdings nicht.“

 

„Was?“, entfuhr ihm aufgebracht.

 

„Wie bitte?“, fragte sie.

 

„Hä?“ Stirnrunzelnd starrte er sie an.

 

„Es heißt „wie bitte“ und nicht „was“ oder „hä“,“ erklärte sie ruhig. „Vielleicht glauben Sie ja, dass ich als Frau nicht die notwendige Kompetenz besitze und gehen deswegen davon aus, mit mir verfahren zu können, wie Sie es sich vorstellen, aber ich bin nicht auf den Kopf gefallen, Herr Kollege.“

 

„Und auf den Mund auch nicht,“ entgegnete er perplex und ohne seine Worte bewusst gewählt zu haben.

 

„Bitte, denken Sie noch einmal darüber nach, was Sie von mir benötigen, dann können wir unser Gespräch gerne fortsetzen.“ Sie schob die leopardengemusterten Gläser zurück. „Im Augenblick habe ich wirklich viel zu tun. Also wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mich nicht länger aufhalten würden.“

 

Möglicherweise lag es an dem Hölleneinhorn auf ihrem Schreibtisch, dass er in diesem Moment beschloss, sie nicht zu mögen. Oder dem noch hässlicheren Objekt daneben: Einem LED-Teelicht. Blaue Flamme. Türkise Strasssteine. Violetter Glitzer.

 

Am liebsten hätte Stephan die … Dekoration aus dem Fenster geworfen, um dem zerstörerischen Aufprall zehn Stockwerke tiefer zu lauschen. Wer kam überhaupt auf die Idee, so etwas zu produzieren? Offensichtlich gab es ja Abnehmer dafür. Würde es nicht hergestellt werden, wäre das Produkt niemals auf dem Markt erschienen, hätte es wahrscheinlich niemand vermisst.

 

Er verstand die Welt nicht mehr. Auf der einen Seite jammerten alle über den Klimawandel und die Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll. Auf der anderen Seite stellte man die grausigsten Dekoartikel aus ebenjenem Problem her. Wodurch gleich ein weiteres aufgeworfen wurde: Belästigung. Ob er wohl von diesem Anblick Augenkrebs bekommen konnte? Wenn es das Hölleneinhorn nicht geschafft hatte, dann möglicherweise das LED-Teelicht. Es stand für alles, was auf dieser Welt schieflief.

 

„Auf eine gute Zusammenarbeit,“ raunzte Stephan, als er sich aus dem Stuhl erhob.

 

Rasch sammelte er die Unterlagen zusammen, warf Nicole einen vernichtenden Blick zu und verließ ihr Büro. 


Neue Chance (Kapitel 4)

Meine liebste Carmen,

 

bis heute suche ich nach der Erklärung, was uns beide zusammengeführt hat. Ich glaube nicht an Gott, du schon. Darum kann eine göttliche Macht es nicht gewesen sein. Ich glaube an Zufall, du nicht. Darum kann auch dieser nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Das Schicksal dafür umso mehr. Daran glaubst du, daran glaube ich.

Doch gerade dieses Schicksal war es, das dir dein Leben nicht immer einfach gemacht hat. Deswegen begreife ich noch weniger, wie man eine höhere Macht anbeten kann, die einem all diese Prüfungen auferlegt. Du meinst zwar, dass Gott einen Weg für dich bereithält und du verdient hast, was dir widerfahren ist, doch dem zu folgen, fällt mir schwer.

 

Als Kind vom eigenen Vater vergewaltigt worden zu sein, stelle ich mir – in deinem Glaubensuniversum – als Teufelswerk vor. Welcher Gott lässt es zu, dass seinen Schützlingen etwas Derartiges angetan wird? Welcher Gott erlaubt seinen Schützlingen, etwas Vergleichbares zu tun? Vor seinen Augen? Oder verschließt er sie einfach? Schaut er weg? Lässt er das Leid zu, weil er nicht weiß, was er dagegen tun soll?

 

Doch wenn Gott machtlos ist, wozu betest du ihn dann an?

 

Du weißt ganz genau, dass es mir um deinen Gott geht, den christlichen Gott. Nicht um die Gottheiten, die in der Mythologie verewigt wurden. Diese vermenschlichten Überwesen oder gottähnlichen Menschen sind für mich viel leichter zu verstehen. Oder eher ist es für mich nachvollziehbar, weswegen sie angebetet wurden. Jede Gottheit hat ein Herrschaftsgebiet inne. Manche auch zwei oder mehr. Wenn also etwas schiefging, wurde eben jener Gott dafür verantwortlich gemacht, in dessen Zuständigkeitsbereich es fiel. Wurde etwas Spezielles erbeten, waren die Opfergaben für diese eine Göttin bestimmt.

 

Ergibt diese Glaubensweise nicht einfach viel mehr Sinn, als EINEN Allmächtigen anzubeten? Einen, der Grausamkeiten erlaubt? Einen, der seine Augen verschließt und Krieg und Hunger und Armut einfach hinzunehmen scheint?

 

Natürlich muss es einen Ausgleich geben. Frei nach Goethe: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Allerdings scheint dein Gott in einer ständigen Grauzone zu leben, Carmen. Das Leben ist natürlich nicht nur schwarz und weiß, aber permanentes Grau verschleiert einem ebenfalls die Sicht.

 

Mir erschließt sich nicht, warum ich in meiner schlimmsten Stunde ein Wesen anbeten soll, das mich nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Vor dem wir alle gleich sind. Der uns unsere Schulden erlässt. Wenn es nämlich egal ist, was ich im Leben mache – nahezu verbreche! –, kann ich doch ALLES tun. Dann ergibt die Vergewaltigung deines Vaters fast schon wieder Sinn. Weil es am Ende nämlich nicht zählt. Weil egal ist, was du tust.

 

Wozu erlässt dein Gott zehn Gebote, nach denen du leben sollst, wenn es zum Schluss doch völlig gleich ist, ob du sie berücksichtigt hast oder nicht? Weil man in die Hölle kommt? Wer hat das jemals gesagt? Gott wird richten, doch schließlich sind sie alle gleich vor ihm. Ist das nicht ein Paradox? Ist das nicht eine Lüge in sich selbst?

 

Carmen, ich verstehe es nach all den unzähligen Abenden mit fünfmal so vielen leeren Weinflaschen noch immer nicht, wieso du dich an diesen Gott wendest. Er hat dir nichts als Leid beschert und er hört auch nicht auf damit. Glaubst du immer noch, dass er unfehlbar ist? Gibst du ihm deswegen immer wieder eine Chance? Hoffst du, dass es nach dem nächsten Tiefschlag besser wird?

Da ich, deiner Religion nach, in der Hölle landen werde, vertraue ich darauf, dass du dir noch etwas zu schulden kommen lassen wirst, um mir irgendwann Gesellschaft zu leisten. Ich will doch nur mit dir Rotwein bis in alle Ewigkeit schlürfen, während wir uns über deinen drölftausendsten Lover unterhalten. Nur mit dir kann ich eine Ewigkeit im Feuer ertragen. Nur mit dir wird es dort Spaß machen. Denn nur mit dir macht das Leben Spaß. Ganz egal, wie schlecht es mir geht oder woran wir beide glauben. Solange es etwas mit Rotwein zu tun hat, meistern wir alles zusammen.

 

Du bist meine beste Freundin – in guten, wie in schlechten Zeiten. In Gesundheit und in Krankheit, bis dass der Tod uns scheidet.

 

Danke, dass du für immer meine beste Freundin bleibst!

 

In Liebe,

 

Nicole


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